Naked Baby Photos

...ODER DIE TRAURIGE GESCHICHTE DES SPENCER ELDEN


Kennt Ihr eigentlich Spencer Elden?

Nein? Tja, habe ich auch gedacht, aber die Wahrheit ist: „Die ganze Welt kennt Spencer Elden!“ Man kann sogar noch weiter gehen und sagen:

„Die ganze Welt kennt Spencer Elden
                  und seinen Penis!“


Doch fangen wir ganz vorne an. Wie schon in meinem ersten Beitrag beschrieben, war ich früher in meiner Pre-Vater-Phase einmal cool. Und in dieser Zeit hörte ich natürlich auch coole Musik. Nicht, dass ich das heute nicht mehr täte, aber es war eben eine Zeit als „Musik noch richtig groß war“, wie Olli Schulz es in einem seiner neusten Songs so schön beschreibt (Übrigens ein absoluter Hörtipp meinerseits). Das Größte was es zu meiner Sturm-&-Drang-Zeit (1991) an Musik gab, waren Kurt Cobain und sein Nirvana. Die Platte Nevermind war für uns nicht nur ein Tonträger. Für uns symbolisierten diese kranken Melodien, diese ungeraden Rhythmen und diese unangepassten Texte, das gesungene Wort Gottes! Dieses Album zu hören war keine Frage des Geschmacks, es gehörte einfach zum guten Ton! Zu sagen, „dass man Nevermind nicht so gut fand“, war anno 1991 gleichbedeutend mit dem lauten Aussprechen des Namens „Voldemort“ in den Harry Potter Büchern („Er, dessen Name nicht genannt werden darf!“).
So populär wie die Musik auf Nevermind, war zwangsläufig auch das Plattencover. Ein textilfreies Baby, welches einer Dollar-Note an einem Angelhaken in einem Pool hinterherschwimmt. Das Kind auf dem Bild ist Spencer Elden.

200 Dollar Honorar für eines der bekanntesten Fotos der Welt

Als der Fotograf Kirk Weddle seinerzeit mit der Herstellung des Bildes beauftragt wurde und den befreundeten Eltern, des damals 4 Monate alten Spencers, davon berichtete, willigten diese sofort ein, fuhren zum naheliegenden Freibad, pusteten dem Säugling Luft ins Gesicht und schmissen das Kind ins Wasser. Angel und Banknote wurden nachträglich hinein montiert. Der Rest ist bekannt. Für den Schnappschuss gab es etwa 200 Dollar bar auf die Kralle, die umgehend im Taco-Laden um die Ecke reinvestiert wurden. 200 Dollar für ein Foto das für die Eltern, wie sie sagten, „keine große Sache“ war, welches das Leben ihres Sohnes jedoch nachhaltig verändern sollte. Die Scheibe verkaufte sich bis heute 30 Millionen Mal. Das Foto wurde höchstwahrscheinlich weitaus häufiger vervielfältigt, ging auf T-Shirts und Postern um die Welt.

Einmal Nirvana-Baby, immer Nirvana-Baby! 

Heute, 24 Jahre später, ist aus dem properen Neugeborenen ein gutaussehender junger Mann geworden. In einem Video bei YouTube zeigt er seine Fähigkeiten als Grafiker. Doch auch hier stellt er sich vor als „the Baby“ und nicht als Spencer Elden, der aufstrebende Straßen-Künstler. Kein Wunder! 2001 stellte er für das 10-jährige Jubiläum sein Jahrhundertfoto nach. 2003 und 2008 tat er es erneut. Er ist scheinbar der einzige Mann, der mit dem Spruch: „Willst du meinen Penis noch einmal sehen?“, eine durchaus reelle Chance hat bei einer Frau zu landen. Und das nutzt er offenbar aus. Wer soll es ihm verdenken. Die Medien haben es ihm beigebracht: Wenn es mal gerade nicht so läuft, gucke ich mal ob ich jemanden finde, der mir noch einmal ein paar Kröten für meine alten Kamellen bietet. Wahrscheinlich wird man Spencer noch im Alter von 60 Jahren zu irgendwelchen Unterwasseraufnahmen einladen und damit komme ich zum springenden Punkt.

Familienalben gehören weg geschlossen!

Es wäre anmaßend Spencers Eltern zu verdammen. Die hatten sicherlich nicht die Absicht ihr Kind zu brandmarken und waren bestimmt nicht in der Lage die Konsequenzen abzusehen. Trotzdem lautet mein Appell an mich selbst und Euch alle: Lasst die süßen Nackedei-Fotos dort wo Sie hingehören! Wir können es nicht leiden, wenn Senioren unserem Nachwuchs unaufgefordert in die Backe kneifen. Spricht ein fremder Mann Kinder auf der Straße an, schrillen gleich alle Alarmglocken und bietet der Gleiche den Kleinen ein Bonbon an, so rufen wir umgehend die Bullen. Schießen wir allerdings ein knuffiges Handy-Foto von unseren Zöglingen, so verbreitet sich dieses schneller im Netz als eine Eilmeldung über eine Naturkatastrophe mit tausenden von Opfern. Irgendwie verständlich, denn die sind ja auch zum Knutschen. Wir lieben unsere kleinen Rotzgören einfach über alles und das sollen ruhig alle wissen. Aber wie können wir uns einerseits über Datensammlung und NSA Überwachung beschweren, wenn wir auf der anderen Seite unser Leben (und das unsere Kinder) im Internet veröffentlichen. Das passt nicht zueinander.

Denk an Tante Bärbel!

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, doch ich fand es ab einem gewissen Alter absolut ätzend, wenn die Familienfotos bei Feierlichkeiten herumgereicht wurden und Tante Bärbel oder Onkel Alfons schallend lachend mit dem Finger auf mich deuteten, weil Mama zum 100. Mal diesen furchtbaren Schnappschuss von mir aus den Sommerferien präsentierte. Heute, mit etwas Abstand, kann ich ebenso über den Jungen schmunzeln, der in einem pinken Schwimmreifen steckt und in die Kamera grinst, während er im hohen Bogen auf eine Sandburg pieselt. Damals fand ich es ziemlich uncool und möchte mir nicht ausmalen, welche Popularität dieser Ablichtung zu Teil gekommen wäre, hätte es 1980 schon ein Facebook gegeben. Denke ich an alle peinlichen Foto meiner Kindheit, dann hätte die Googles „Recht-auf-Vergessen“ eine eigene Abteilung für mich einrichten können.
So jetzt nehmen wir den erhobenen Zeigefinger aber mal wieder runter!

Lasst uns trotzdem noch einmal der traurigen Geschichte des Spencer Elden gedenken und inne halten bevor wir den nächsten Baby-Popo für ein paar Likes in den sozialen Netzwerken verscherbeln. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Hauke (Freitag, 17 Juli 2015 21:26)

    Für ihn persönlich ist es doch jetzt eher etwas Gutes als was Negatives, oder?

  • #2

    Tute Knopp (Dienstag, 11 August 2015 10:49)

    ... das er einen Penis hat? Sicherlich!