Geburtsvorbereitungskurs - Die Reise ins ich

ALLES KÄSE, ODER WAS?


Ich lasse dann mal die Katze aus dem Sack! Dieser Blog wird von mir aus einem sehr einfachen Grund betrieben: Ich suche Aufmerksamkeit. 
Und das um jeden Preis.
Mir egal, ob meine Artikel einen Mehrwert bieten. Hauptsache das geschriebene Wort unterhält und wird gelesen. Wie ich das hinkriege, habe ich scheinbar noch nicht so wirklich raus. Die Zugriffe, die ich meiner Seitenstatistik entnehme, sprechen da eine sehr eindeutige Sprache. So war es zumindest bis zu Anfang September.

Drama, sells!

Mit dem Einblick in meine Patientenakte habe ich überdurchschnittlich viele Leser erreicht und über mehrere Tage lang wunderbares Feedback erhalten. Es ist wohl zu erwarten, dass ich an solche Erfolge vorerst nicht anknüpfen kann, denn schließlich kann ich nicht wöchentlich mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung um die Ecke kommen. Das könnte auf Dauer gesundheitliche Risiken in sich bergen. 
Doch wie in Hollywood üblich, versuche ich es mal mit einem müden Aufguss des Erfolgsrezeptes und schlage dann die Brücke zu unserem ursprünglichen Thema. So will ich nun die Lust aufs Weiterlesen schüren indem ich die kuriose Frage aufwerfe:


Was hat eine Rehabilitations-Maßnahme für Herzkranke
mit einem Geburtsvorbereitungskurs für werdende Eltern gemeinsam?

 

Zur Beantwortung hole ich, wie gewohnt, ein wenig aus. Nach meiner zuletzt beschriebenen Krankengeschichte wurde mir also empfohlen an einer ambulanten Reha-Maßnahme teilzunehmen. Ein wenig widerwillig stimmte ich dem Ganzen zu und so sitze ich seit ca. einer Woche von morgens bis nachmittags in einer entsprechenden Einrichtung.
Dort mache ich viel Sport und nehme an Vorträgen teil. Natürlich reiße ich auch hier den Altersdurchschnitt drastisch nach unten und musste mich zunächst einmal damit arrangieren, dass meine persönlichen Perspektiven mit denen meiner Mitpatienten nicht ganz zu vereinbaren sind. Aber die gute Nachricht ist: Im Alter ändert sich (abgesehen vom Körperzustand) relativ wenig.
Solch eine Reha-Klinik ist im Prinzip wie eine Schule. Die Lehrer mit den theoretischen Fächern nerven und die Sportler sind die Coolen. Bei den Schülern bzw. Patienten gibt es

- die Streber, die ständig nachfragen,

- die Unauffälligen, die es einfach nur hinter sich bringen wollen ohne großen Ärger zu verursachen 

- und die Clowns, die ständig dazwischen quatschen und selten zuhören.

Autogenes Training

Unter anderem kam ich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes in den Genuss einer Anwendung namens Entspannungsgruppe. Das stellte sich folgendermaßen dar.
Wir saßen zu ca. 20 Leute in einem sehr kleinen Raum, bis eine junge Frau diesen betrat und uns erklärte, dass sie uns nun das Wesen des autogenen Trainings näherbringen wolle.
Stille im Raum.
"Haben Sie den Begriff schon einmal gehört."
Man schaut sich schulterzuckend an. Die Fragezeichen über den Köpfen sind fast greifbar.
"Beim autogenen Training geht es um Auto-Suggestion."
? Die Beteiligten nicken der Dame wissend zu. Natürlich hat niemand eine Ahnung, was das fremde Wesen ihnen sagen möchte. Genauso gut könnte man Erstklässlern sagen: 
Wir machen heute Algebra!
Verstehe ich nicht Frau Lehrerin!
Das hat etwas mit Variablen zu tun!
Schließlich erbarmt sich die diplomierte Psychologin noch zu einer weiteren Definition.
"Das kommt aus dem Bereich der Hypnose!"
Erneut wissendes Nicken. Wenigstens dieses Wort kann der eine oder andere zuordnen. 
Dann geht es los. Wir sollen unsere Augen schließen und uns auf unsere Atmung konzentrieren. Soweit bin ich noch dabei. Dann geht es aber auch schon los:
"Stellen Sie sich vor... Sie sitzen auf einer Parkbank und schauen auf eine wunderschöne Wiese voller Blumen."
Nicht im Ernst!,
denke ich so bei mir. Da findet man nichts Besseres? Wie wäre es z.B. mit dem All-You-Can-Eat-Buffet in einem Nobel-Restaurant (bei der cholesterinarmen Ernährung, an die wir uns gewöhnen müssen, ein wahrer Traum).
Klar, mit den alten Leutchen kann man es ja machen.
Weil ich einer dieser Schüler bin, der möglichst wenig Aufsehen erregen will, mache ich weiter mit und hoffe das es schnell vorbeigeht. Solange bis mein Nebenmann sich in den Schlaf der Gerechten begibt und den Therapieversuch mit einem durchdringenden Schnarchen kommentiert. Er schläft wirklich tief und fest.
"Meine Beine sind heiß und schwer... meine Beine sind heiß und schwer...!", erklärt uns die Dame in unheilschwangerem Ton. Meine Quanten sind hingegen kalt und so leicht, dass ich sofort weglaufen möchte. Von der gegenüberliegenden Seite des Raumes piept und dröhnt es. Ein elektronisches Blutdruckgerät pumpt sich auf.
"Meine Stirn ist frisch und klar... Meine Stirn ist frisch und klar...!", erzählt man uns nun.
Da klopft es an der Tür. Ohne abzuwarten reißt jemand an der Klinke. Mehrere Menschen unterhalten sich lautstark miteinander. Wie viele weiß ich nicht, denn ich soll ja meine Augen geschlossen halten.
"Oh Verzeihung!", brüllt jemand in die Runde und knallt die Tür wieder zu.
In diesem Moment der absoluten Entspannung huscht ein Grinsen über mein Gesicht und plötzlich kommt mir die Idee für diesen Artikel.

Der moderne Vater

Flashback! (Wenn Ihr dieses Wort lest, dann könnt Ihr Euch ja vielleicht so ein wabberndes Bild und das Geräusch einer Harfe vorstellen. Das bedeutet ab sofort nämlich, dass ich an dieser Stelle einen Zeitsprung in die Vergangenheit vollführe.) 
Unsere eigenen Väter kommen ja noch aus einer Generation, wo die Geschlechterrollen relativ eindeutig verteilt waren. Gender war einer dieser vielen Begriffe, die man zu dieser Zeit schlichtweg noch nicht benötigte.
Für unsereins wurde das schon komplizierter. Ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber bei der Familienplanung wird das recht deutlich. Während unsere Erzeuger nach vollbrachtem Tagewerk die Beine hochlegten und den Nachwuchs bestenfalls mal mit Hoppe-Hoppe-Reiter bespaßten, werden wir als moderne Väter in alle Bereiche der Kinderaufzucht mit einbezogen. 50% Windeln, 50% Betreuungszeit und 20% Stimmrecht bei allen wichtigen Entscheidungen. Es soll sogar Mütter geben, die nicht mal beim Säugen des Kindes ein Auge zu drücken und auch das von ihren Gatten verlangen.
Als aufgeklärter Vater des neuen Jahrtausends nimmt man seine Rolle nicht auf die leichte Schulter. Da wird gelesen und gegoogelt bis man das Ultraschall-Gerät selbst bedienen kann und sowieso viel mehr weiß als all diese selbst ernannten Ärzte.
Ebenso gehört dazu, dass man die Mutter seines Kindes zu einem sogenannten Geburtsvorbereitungskurs begleitet. Böse Zungen nennen solche Selbsthilfe-Gruppen "Hechel-Kurse", obwohl die Veranstalter nicht müde werden zu betonen, dass in ihren Räumen ordentlich geatmet wird und sich niemand der Lächerlichkeit preisgeben wird. Eine tolle Sache ist das! Da lernt man nicht nur das pure Überleben, während man eine Bowling-Kugel aus seiner Vagina drückt, sondern findet gleichzeitig nette Menschen mit ähnlichen Problemen und das ist äußerst wichtig für die Zukunft. Denn recht schnell wenden sich die alten Freunde von einem ab, weil angehende Eltern nur bedingt gesellschaftsfähig sind.      

Da musst Du jetzt durch...

... sagt man sich als Mann und macht die sprichwörtliche gute Miene zum bösen Spiel.
Obwohl man nicht abstreiten kann das es einer gewissen Dramatik entbehrt, wenn der erste Termin solch eines Geburtsvorbereitungskurses fast zeitgleich mit dem Halbfinale Deutschland gegen Italien der Fußball WM 2006 stattfindet.
Kein Scheiß! Genau so passiert.
Nun muss ich zugeben, dass diese erste Zusammenkunft der werdenden Eltern mit einem Happy-End ausging. Bereits bei der Begrüßung wurden die schwitzenden Väter von Ihren Qualen erlöst und die freundliche Geburtshelferin gab Entwarnung für das anstehende Spiel. Man würde einfach ein wenig früher aufhören, damit man pünktlich zum Anpfiff vor dem Bildschirm sitzen könne. Astrein! 
Für den Umstand, dass unser Sommermärchen an diesem Abend ein jähes Ende fand, kann ich die Hebamme ja schlecht verantwortlich machen.
So weit, so gut! Tut also nicht weh, so ein Hechelkurs!
Dann kam allerdings der zweite Abend, den ich mit fünf wildfremden Pärchen im Schneidersitz auf einer Iso-Matte verbrachte und nun kam es richtig dicke.


Entspannungsgruppe

Wenn ich mich richtig erinnere, ging es um das sehr erhellende Thema "Geburtspositionen". Nun ist es in den meisten Fällen so, dass man als werdender Vater allen Themen rund um die Geburt eines Kindes sehr aufgeschlossen ist, ausgenommen eben... DIE GEBURT.
Was sich da im Vorfeld per Kopfkino abspielt ist wirklich übel, da muss man nicht im Rahmen der Aufklärung, mehr als nötig, ins Detail gehen.
Aber auch das war dann irgendwann vorbei. Zum Abschluss, dreimal dürft Ihr raten:
"ENTSPANNUNGSGRUPPE, HURRA!"
Erstmal gemütlich hinsetzen... 
Soll heißen, die Männer nach hinten an die kalte, harte Wand, die Damen dürfen sich anlehnen. Jetzt verrenken, rumgreifen und ran an die Kugel mit den Griffeln. Kontakt aufnehmen! Im Hintergrund läuft die gute alte Esoterik-Scheibe mit diesen ätzenden Sitar-Sounds. Ganz schlimm!
So eine Geburt ist eine langwierige Geschichte, erklärt uns die Stimme aus dem Off. Soll heißen die kratzige Stimme der Hebamme, die uns Väter wie den letzten Dreck behandelt. Sie lässt keine Gelegenheit aus um darauf hinzuweisen, dass es bei dieser ganzen Veranstaltung einzig allein um die Frau bzw. Mutter des Kindes geht.
Viele kleine und große Wehen, über viele Stunden..., lautet nun die verheißungsvolle Aussicht. Wenn man diesen langen Weg vor sich sieht, mag man daran verzweifeln.

Denkt einfach an Beppo den Straßenkehrer aus Momo. Wenn er eine lange Straße kehrt, dann sagt er sich: Noch ein kleines Stück und noch ein kleines Stück und noch ein kleines Stück... Ehe man sich versieht ist man am Ende des Weges angekommen. 
Ich muss zugeben, dass mir dieses Bild gefällt. Es ist schön und ich beginne mich zu entspannen, obwohl ich weiß. dass ich hier nur geduldet werde.
Wir tauchen ein in die Gebärmutter. Ihr seid winzig klein und fliegt hindurch. 
Herrlich! Ich denke an die "Die Reise ins ich". Ein Science-Fiction-Film aus den 80ern, den ich damals im Kino gesehen habe. Die Hauptfigur wird geschrumpft, fliegt mit einem Mini U-Boot durch den Körper seiner Freundin und stellt dabei fest das diese schwanger ist.
Zudem habe ich in diesem Bildband geschmökert in dem man den Fötus in mehreren Entwicklungsstufen fotografiert hat (natürlich habe ich die letzten Seiten ausgelassen, wie mir geraten wurde, weil da gezeigt wird wie das Ding rauskommt).
All diese bezaubernden, pastellfarbenen Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf. Hätte nicht gedacht, dass so etwas bei mir funktioniert, aber es funktioniert. 
Nun könnt Ihr Euer Baby sehen. Es ist gleich vor Euch.
Jaja, ich kann es sehen, wie süß.
Die kleine Nase und die winzigen Augen, die noch vollständig verschlossen sind.
Auf jeden Fall, ganz der Papa!
Die kleinen Händchen greifen mit den fünf Fingerchen und die kleinen Füße krümmen sich rhythmisch im Takt.
Ganz klar, der wird Profi-Fussballer. Das ist so sicher wie das "Amen" in der Kirche.

Da ist die Nabelschnur, die gleichmäßig pulsiert. 
Das finde ich jetzt schon ein wenig merkwürdig. Da denkt man so an ein Alien mit Tentakeln, aber gut... ich bin immer noch im Fluss. Bis zu diesem einem Wort. 
Und dann die zarte Haut des Säuglings, raunt die Geburtshelferin. Sie ist über und über bedeckt...
Ja, mit was denn nun?

...über und über bedeckt mit...
Komm sag schon!
...über und über bedeckt mit KÄSESCHMIERE!

WTF!?

Schlagartig reiße ich die Augen auf. Ich weiß, dass das peinlich wird, wenn mich die Chefin genau in diesem Moment anguckt, aber ich kann nicht anders. Das müssen die anderen ja auch gehört haben.
Käseschmiere... sag mal geht's noch?

Ich schaue in die Runde. Alle liegen sie da wie die Ölgötzen, mit geschlossenen Augen und seligem Grinsen im Gesicht. Sogar die wenigen Kerle, die außer mir anwesend sind. Entweder pennen die wirklich oder die haben sie nicht mehr alle. 
HALLO LEUTE..., möchte ich schreien. Die hat gerade Käseschmiere gesagt!
Das war es für mich mit Entspannung. Ich will raus hier. Natürlich trau ich mich nicht. Vor allen Dingen wird diese Sache mit dem Schmodder auf meinem Kind noch weiter konkretisiert. Das ranzige Baby wird in aller Ausführlichkeit beschrieben. Bäh, ekelhaft! 
Konsistenz, Farbe und Körnung. Kein Detail wird ausgespart.

Ich werde unruhig, rutsche von einer Arschbacke auf die andere. Mein Rücken tut weh und... meine Güte, ist das unbequem.
Dann ist es endlich vorbei. Die komischen Leute um mich herum erwachen, strecken sich aus und tun so als wäre dies das beste Nickerchen ihres ganzen Lebens gewesen. Nicht zu glauben! Sogar meine liebe Frau macht stillschweigend bei dieser Farce mit. Ich erkenne sie nicht wieder. 
Nachts kann ich nicht schlafen. Wenn ich die Augen schließe, ist da dieser gelblich, eitrige Monster-Fötus, der mich fressen will. Die Hölle.
Nie wieder Geburtsvorbereitungskurs!

Beim zweiten Sohn geht dieser Kelch an mir vorüber. Da ist man sowieso schon in allen Belangen der Profi-Elternteil schlechthin. Tja, denkste!

Egal! Jedenfalls zu diesem Kurs wurde ich nicht mehr hingeschleppt. Einer muss schließlich zuhause bleiben und auf das andere Käse-Baby aufpassen...   


Anmerkung: Der beschriebene Vorfall hat sich tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen. Trotzdem ist es mir ein Bedürfnis, darauf hinzuweisen, dass es sich im vorangegangenen Bericht um überspitzte Satire handelt. Hebammen sind der großartigste Schlag Menschen, der mir bisher auf diesem Planeten begegnet ist. Zumindest die, welche meine beiden Söhne ins Leben hinein begleitet haben. Ich werde zu gegebenem Zeitpunkt gerne noch näher darauf eingehen.

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