Spiel es bitte NICHT noch einmal, Sam!

oder BEST OF KINDERLIEDER 

 

Nachdem ich diese Woche, mit circa einem Jahr Verspätung meiner Facebook-Nominierung "7 Songs in 7 Tagen" nachgekommen bin, halte ich es für sinnvoll das Thema "Kinder und Musik" in einem Blog-Artikel näher zu beleuchten. Melodien sollen sich ja angeblich bereits im Mutterleib einprägen und darüberhinaus heißt es, dass Erwachsene die klassische Musik hören, intelligenter sein sollen als gleichaltrige Menschen, die über Mozart denken, dass er der Erfinder einer wohlschmeckenden Praline war.
Beides hat sich, wie so oft, als Mythos herausgestellt, was einmal mehr die einzige unumstößliche Wahrheit bestätigt:

Traue niemals einer Nachricht, die mit den Worten "Amerikanische Wissenschaftlicher haben herausgefunden" beginnt. 
Mutterbauch und literweise Fruchtwasser dämpfen die Geräusche der Außenwelt für das Ungeborene stark ab, weshalb der Fötus vermutlich kaum zwischen Klaviersonate und Heavy Metal unterscheiden kann. 

Also sprach Detlev Jöcker...

Sicherlich habe ich bereits erwähnt, dass die musikalischer Früherziehung meiner Söhne so gar nicht ablief, wie ich mir das vorstellte. Als Freizeit-Rocker mit ernsthaften Ambitionen zum Berufsmusiker stellte ich mir die Vaterschaft in etwa so vor: Mit meiner Gitarre wache ich engelsgleich vor dem Himmelbett meiner süßen Babies. Beim leisesten Meckern streiche ich über die Saiten und besänftige das Kind mit einem meiner vielen selbst komponierten Schlaflieder. 

Tatsächlich ist das Ganze dann auch weitestgehend so eingetroffen. Also zumindest das mit dem "Meckern". Um meine Kinder musikalisch zu überzeugen, musste ich mich schon etwas mehr ins Zeug legen. 
Der erste große Star, der bei meinem Ältesten Eindruck hinterließ, war hingegen Detlev Jöcker. Der ist quasi der Zuckowski der Neuzeit. Wie bei allem heutzutage ist die Auswahl an Interpreten von Kinderliedern unerschöpflich. Zu unserer Zeit gab es nur den oben erwähnten Rolf. Entweder zum hundertsten Mal die Weihnachtsbäckerei hören oder Du lässt es halt. Alternativen gab es nicht. Ein Genre-Monopol nennt man so etwas.

Heute ist das anders! Da ist der Markt für Kindergarten-Minnesänger ebenso umkämpft wie die großen Bühnen am Ballermann. 
Trotzdem ist unter all den modernen Liederonkeln der Detlev Jöcker so etwas wie ein echter Superstar. Sozusagen die Helene Fischer unter den Vorschule-Songwritern. Ich lernte den guten Mann kennen, als ich mich mit meiner kleinen Familie auf dem Weg in die Toskana befand. Jung und unerfahren in der Vaterschaft hielt ich es für einen Klacks mit einem 8 Monate altem Säugling, die knapp 1100 Kilometer nach Florenz in einem alten Kombi runterzugurken. Man muss dem Sohn zu Gute halten, dass er sich in Anbetracht seines Alters wirklich vorbildlich auf dem Rücksitz verhielt. Lediglich auf den letzten 300 Kilometern bei unerträglicher Sonne und schlecht funktionierender Klimaanlage kam so etwas wie leichter Unmut auf. 

Da fiel uns dann diese CD in die Hand, die der Kleine zu seiner Taufe geschenkt bekommen hatte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass wir schon so ziemliche alle Beruhigungstaktiken angewandt hatten, die uns bekannt waren, also legten wir mit wenig Hoffnung die Scheibe in den Player.


HEUT' IST EIN TAG AN DEM ICH SINGEN SEIN KANN

HEUT' IST EIN TAG AN DEM ICH SINGEN SEIN KANN

IST DAS NICHT EIN TAG AN DEM ICH SINGEN SEIN KANN

HEUT' IST EIN TAG AN DEM ICH SINGEN SEIN KANN

 

Das waren die Textzeilen. Gesungen von einem enthusiastischem Chor und begleitet von einer fröhlichen Flöte, die mit voller Lautstärke aus den Boxen dröhnte. Und obwohl die Botschaft dieser Hymne so absolut gar nicht zur inneren Einstellung der PKW-Insassen passte, stellte sich doch plötzlich eine friedvolle Ruhe ein. Ein Stimmungs-Hoch, welches jedoch nur exakt 2 Minuten und 33 Sekunden anhielt, denn das war die Laufzeit des Titels. Das sofort anhebende Geschrei unseres Nachwuchses überzeugte uns von der Notwendigkeit den gespielten Song noch einmal zu wiederholen. 
Man kann sich vorstellen, wo das Ganze hinführte. So ging dieser Tag in die Geschichtsbücher ein, als der, an dem wir ein und das selbe Lied 3 Stunden lang in Endlos-Schleife hörten. Die reinste Folter! 
Trotzdem möchte ich mir nicht ausmalen, was uns geblüht hätte, wenn der gute Herr Jöcker damals nicht bei uns gewesen wäre. Nicht auszudenken. 
Bei späteren Fahrten durften wir dann auch mal weitere Titel aus dem Detlevs Gesamtkatalog genießen. Das Lied vom Wackelpudding und Wischi Waschi sind unvergessene Klassiker. 
Gruselig wurde es erst später als der Sängerknabe sein eigenes TV Format auf Super RTL erhielt. Das Aussehen der Personen zu manch bekannter Stimme sollte besser im Verborgenen bleiben und wenn der langhaarige Detlev mit seiner dicken Wampe und den Bilderbuchkindern durchs Tamusiland hüpft, dann wirkte das auf mich ziemlich bizarr und angsteinflössend. Irgendwo zwischen Guildo Horn und Hannibal Lecter. Naja, schön war die Zeit trotzdem irgendwie.

Rock 'n' Roll Queen

Etwa zwei Jahre später befanden wir uns in einer relativ ähnlichen Konstellation. Zwar mit einem weiteren schreienden Beifahrer gesegnet, aber auch mit zwei Jahren elterlicher Erfahrung. Ab der Geburt des zweiten Kindes ist man ja ohnehin schon so etwas wie ein Profi. 

Während nicht allzu sommerlichen Temperaturen heizten wir mit unserem o.g. Kombi, der sich genauso wenig unterkriegen ließ wie wir, Richtung Gardasee. 

Genau wie damals, hatten wir für Extremsituationen (die eigentlich ständig vorherrschten), die CD mit Kinderliedern an Bord. Die Monate und Jahre auf Heavy Rotation waren dem Zustand des Datenträgers nicht gerade zuträglich gewesen, was uns zu einer weiteren Erkenntnis brachte: Es gibt tatsächlich noch etwas Schlimmeres als ein nerviges Kinderlied immer und immer wieder anzuhören, nämlich das selbe Lied immer und immer wieder anzuhören, wenn die dazugehörige CD dazu neigt ständig zu springen.

Letztlich wendete sich alles zum Guten. Denn neben dem Speichermedium mit den Kinderliedern führten die Eltern noch die neuen Platten von Fettes Brot (Strom und Drang) und den Sportfreunden Stiller (Unplugged in New York) mit sich. Volltreffer!

Den Jungs hatte es vor allem das Duett der Sportis mit der amerikanischen Punk-Band "The Subways" angetan: Rock'n'Roll Queen.

 

Du bist die Sonne

Du bist die Einzige

Be my, be my, be my little Rock'n'Roll Queen

Be my, be my, be my little Rock'n'Roll Queen

 

Jedes Mal wenn der Sänger mit seinem amerikanischen Slang die wenigen Zeilen skandierte, wurde die Stimmung auf der Rückbank ähnlich euphorisch wie die der Gäste auf einem richtigen Rock-Konzert. 

Ein schöner Urlaub! (Wie übrigens alle Urlaube rückwirkend betrachtet sehr schön waren und nur damals im Moment des tatsächlichen Erlebens, als nicht so toll empfunden wurden.)

Klassik, Pop oder doch lieber Thrash Metal?

Was mich jedoch letztlich zu der Frage führte, was ist denn eigentlich gute Musik für Kinder?
Sicher bin ich mir, dass die frühkindliche Prägung mit Melodien etwas ganz Wunderbares ist und das Angebot an die Sprösslinge so vielfältig sein sollte, wie möglich. 

Zudem haben Kinder eine äußerst präzise Antenne für "gute Mucke", wie man umgangssprachlich zu sagen pflegt.

Ich halte mich ja, wie schon mehrfach erwähnt, selbst für einen Musiker und mittlerweile kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass eine Komposition, die bei meinen Kindern funktioniert ebenso gut bei einem erwachsenen Publikum ankommt. Witzig oder?  

Paradebeispiel ist die Blödel-Nummer "Gespenster" meines Liedermacher-Duos PS Gitarrenduo. Das findet der Nachwuchs Klasse und auch die Fans sind aus dem Häuschen, wenn wir die Nummer auf der Bühne anstimmen. 

Deswegen müssen bei mir die neuen Songs seit einer Weile durch den Kinder TÜV. Erst wenn die Nummer dort besteht wird sie als hittauglich eingestuft. Wenn ich Langweiler-Geschrammel auf der Klampfe spiele, führt das im Gegenzug zu Aggressionen und häuslicher Gewalt.  

Die Kinder mit guter zu Musik zu versorgen, ist gleichzusetzen mit guter Erziehung. Das kann man schon so sagen, finde ich. Ist fast genau so wichtig wie Abends vor dem Einschlafen noch etwas vorzulesen. 
Wie und was sei den Erziehungsberechtigten überlassen. Dabei fällt mir auf, dass das ein wunderbarer Begriff ist: Erziehungsberechtigter. Rechte zu haben, findet doch jeder klasse.. Also nutzt es! Gerade bei der Kunst. 

Viele schwören ja auf Klassik. Bei uns läuft zumindest am Sonntag zum Frühstück die Filmmusik von Star Wars. Bin mir ziemlich sicher, dass man in 100 Jahren darunter sowieso klassische Musik versteht. Da gehen die supermodernen Zukunftsmenschen dann in die Oper und hören sich die Titelmusik von Indiana Jones oder Twin Peaks an.

Ob Ihr nun eher auf Bob Marley oder Korn steht, die Kinder hier in den Videos können eigentlich keine schlechte Menschen werden.


Und falls doch jemand eine ernst gemeinte Empfehlung haben will: 

Rotz'n'Roll Radio
Diese Zusammenstellung haut eigentlich jeden um. Wer bei Titeln wie Super-Junge (mit Ska Einflüssen) oder Nee! (waschechter Hip-Hop) nicht anfängt mitzuwippen, dem ist nicht mehr zu helfen. Der Herr Lüftner ist schon 'ne echte Marke und die CD sollte jeder im Regal stehen haben. Veredelt wird das Album durch Gastauftritte von Kalkofe, von der Lippe und Bürger Lars Dietrich. Ein Knaller!


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Kommentare: 1
  • #1

    Sandra Greiffendorf (Montag, 14 März 2016 20:25)

    Basti, Ihr habt Eure Kinder aber auch eindeutig an die falsche Musik herangeführt... Was ist denn mit "Randale" und "Deine Freunde"? Da gehen auch die Eltern gerne aufs Konzert :-))