Das kannste schon so machen, aber dann isses' halt Scheiße!

ODER DER EWIGE STREIT UM DIE "RICHTIGE" ERZIEHUNG.

 

Ein afrikanisches Sprichwort besagt:

"Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf!"

Dass dem so ist und nahezu jeder Dorfbewohner gerne und häufig seinem Erziehungsauftrag nachkommt, müssen alle jungen Eltern bald schmerzlich feststellen. Der Fötus hat sich noch nicht entschieden, ob er nun Männlein oder Weiblein werden möchte, da prasseln schon die gut gemeinten Ratschläge auf einen hernieder. Egal ob Familie, Freunde oder Wildfremde in der U-Bahn, Tipps zum Umgang mit Säuglingen und Kindern im Allgemeinen erhält man ungefragt und reichlich. 

Ob und wie lange man stillen sollte? Überhaupt die richtige Ernährung! Impfen oder nicht impfen? Und wenn impfen, gegen was denn überhaupt? Wie hält man so ein Kind eigentlich richtig? Worauf man bei der Kleidung achten sollte. Wie man sich im Krankheitsfall korrekt verhält. Ab welchem Alter man in den Kindergarten / KITA gehen sollte, Fernsehen bzw. der allgemeine Umgang mit Medien. Wo man die Grenzen setzen muss! Und, und, und...

Jeder Meinungsaustausch hat nur eine Gemeinsamkeit: Es gilt einzig und allein die Ansicht desjenigen, der gerade darüber referiert. Andere Auffassungen sind meist nicht zugelassen.

The Blueprint of my life

Sobald wir das Haus verlassen, interessiert keine Sau mehr wie lange und an wessen Brust wir saugen. Geschweige denn, was wir so essen oder wie lange wir vor der Glotze hocken.

Bevor wir Kinder hatten, ernährten wir uns wahlweise von Pizza aus der Tiefkühltruhe oder alternativ Pizza vom Lieferdienst. Da hätte ja mal jemand meckern  und aufpassen können.

Seitdem wir Kinder haben gibt es nur noch frische Lebensmittel und vornehmlich Bio. Jede Zutatenliste wird genauestens studiert, jeder Hersteller auf seine "Political Correctness" geprüft. Trotzdem muss man sich die abschätzigen Blicke der anderen Eltern gefallen lassen, wenn man im REWE mit einem Glas Nutella erwischt wird. In Gedanken sieht man schon die Zuständigen vom Jugendamt an der Haustür klingeln, die einem das Kind unweigerlich und für immer entziehen werden.

Entweder nehmen wir das Handeln des Nachwuchses in Schutz oder wir vergleichen, konkurrieren durch die Fähigkeiten der Blagen miteinander.

Meiner kann schon sitzen, laufen, sprechen, lesen, schreiben usw.

Ersteres wird meist den Muttis zugeschrieben, Zweiteres den Vatis. Aus meiner Erfahrung verfügt jedes Elternteil über beide Eigenschaften.
Woran liegt das eigentlich? 

Warum legen wir so viel wert auf Erziehung, dazu noch auf die RICHTIGE?

Was schert uns, was die Umwelt denkt? Und warum hat die Umwelt eigentlich so großes Interesse an jedermanns Erziehung mitzuwirken?

Meine Theorie: Mit der Zeugung und Geburt beginnt man damit sein Vermächtnis zu erschaffen. So ist es je nach gesellschaftlichem Stand oder kulturellem Hintergrund für viele Menschen wichtig einen männlichen Nachkommen zu haben, damit der Familienname erhalten bleibt. 

Man sieht in dem Kind das Abziehbild von einem selbst: Eine Blaupause des eigenen Lebens

Was sagt es nun über mich als Person aus, wenn mein Kind sich bösartig verhält?

Zunächst einmal gar nichts vermutlich! Trotzdem fühlt es sich so an, als habe man sowohl als Vater wie auch als Mensch versagt.

Die Quote liegt bei 1:10

Tatsächlich kann ich mich an ein Gespräch mit einer guten Freundin erinnern, welches ich führte, da wir unseren ersten Sohn erwarteten. Ich berichtete von meiner Sorge um die Gesundheit des Ungeborenen, die wohl so ziemlich jeden werdenden Vater plagt. 

Die Bekannte (übrigens damals eine angehende Ärztin) riet mir in ihrer trockenen Art, dass doch mal etwas lockerer zu betrachten. Schließlich wäre die Wahrscheinlichkeit doch ziemlich gering und man solle doch eher fürchten, dass die Kinder im Laufe des Heranwachsens in einen Unfall verwickelt würden und fortan unter einer körperlichen Beeinträchtigung litten. Abschließend stellte sie mir die folgende Frage: "Und was machst Du erst, wenn Dein Kind 15 oder 16 ist und Du merkst, dass es ein totales Voll-Arschloch ist?"
Dieser Satz war für mich ebenso grausam wie erleuchtend.

"Benehmen ist Glückssache!", pflegte meine Frau Mama süffisant zu bemerken, wenn meine Manieren mal wieder zu wünschen übrig ließen. Mit der Erziehung ist es genauso. 

Das ist eine verdammt schwierige Angelegenheit. Wie schwierig sie wirklich ist, lassen uns die Sprösslinge mehrmals täglich spüren, und das bis ins hohe Alter. 

Als unser Sohn in den ersten Wochen seines Lebens von den Koliken gequält wurde, erklärten wir unsere Sehnsucht nach den ersten Worten des Neugeborenen. Er sollte reden können um uns zu erklären wo der "Schuh drückt". Unsere Hebamme nahm uns jegliche Hoffnung indem sie darauf hinwies, dass das Kind mit den ersten Worten noch lange nicht beschreiben könne, wo der Schmerz sich tatsächlich befinde.

"Abgesehen davon! Richtig reden kannste mit denen sowieso erst, wenn die 20 sind!"

Solch großartige Weisheiten machen den pädagogischen Alltag zwar nicht einfacher, jedoch schadet es ganz bestimmt nicht, wenn man sich nicht immer allzu ernst nimmt. 

Letztlich kann man so viel lesen wie man will und konsequent sein wie ein Felsbrocken. Sozialisation besteht aus mehreren Säulen:

Erziehung, gesellschaftliches Umfeld und ganz viel... GLÜCK! 

Keine Ahnung, wie es Euch geht, aber ich habe auf diesem Gebiet tendenziell das Gefühl völlig falsch zu liegen. Das scheint auch nicht ungewöhnlich sein.

"Wenn Sie von 10 Entscheidungen bei der Erziehung Ihrer Kinder einmal die richtige Wahl treffen, dann ist das schon eine hervorragende Quote!" Ich habe mal gehört, dass eine Kinderpsychologin das gesagt haben soll. Mit solchen Zielen kann man doch arbeiten...

Schablonendenken

Wenn es dann einmal klappt und der pädagogische Ansatz seine Früchte trägt, der Quälgeist mit dem für uns korrekten Verhalten reagiert, dann ist das erhebend und befriedigend zugleich. Ein besonderer Erfolg in diesem zermürbenden Krieg namens Erziehung, den wir Tag für Tag führen. Ein Kampf, der von vielen Rückschlägen und wenigen Erfolgen bestimmt wird.

Zurecht sind sowohl Eltern wie auch die Kinder stolz auf jede überstandene Etappe dieser beschwerlichen Reise. 

Dieser Triumph beflügelt so sehr, dass wir aus der zufällig richtig getroffenen Entscheidung eine erzieherische Kernkompetenz ableiten. So entsteht mit der Zeit eine Schablone. Eine Reihe von funktionierenden Methoden, die den Sohn / die Tochter zumeist in die gewünschte Bahn lenken. 

Zu leicht vergisst man, dass Schablonen über eine verrückte Eigenart verfügen. Sie eignen sich meist nur um wenige oder lediglich ein Muster zu erstellen. Was den einen Zögling in eine verheißungsvolle Zukunft geleitet, öffnet für den nächsten das Tor zur Jugendstrafanstalt.  

Trotzdem lassen wir uns den Experten-Status nicht absprechen. Schließlich haben wir uns diesen hart erarbeitet und damit das Recht jeden, ob er will oder nicht, an unseren Ansichten teilhaben zu lassen.  

Alte Hasen!

Dazu werden wir schließlich. Wenn sich einer der Freunde nach langem Zögern am Ende doch noch in das Abenteuer der Vaterschaft begibt, dann kommentieren wir dies mit einem milden Lächeln. Tun so als wüssten wir genau, was den Kameraden erwartet, dabei haben wir nicht die leiseste Ahnung. Denn jedes Mal ist es anders. Jedes Mal neu. Eine Abfolge von vielen falschen, wenigen richtigen Entscheidungen und unvorhergesehenen Erlebnissen, die Persönlichkeiten bilden. 

So sind meine Söhne trotz gleicher Eltern und annähend identischem Verhalten dieser Erziehungsberechtigten, komplett unterschiedlich in Ihrem Charakter und jeder für sich wunderbar.
Umso länger wir diesen Weg gemeinsam gehen, umso mehr riechen wir den Duft der Erfahrung, der uns dazu verleitet ungewollte Ratschläge an die Nachgeborenen zu verteilen.

Also habt ein wenig Verständnis für alle Großeltern, Eltern, Tanten, Onkel und Freunde, die meinen, dass sie es besser wissen müssten und sagt ihnen auf möglichst freundliche Weise, dass Sie doch einfach die Fresse halten sollen.




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Kommentare: 1
  • #1

    Sandra Greiffendorf (Mittwoch, 06 April 2016 15:18)

    Ich bin froh, dass Du unter Deinen Erziehungsratgeberbüchern nicht eins von Jesper Juul ist! Der weiß ja immer alles ganz genau, und wir haben bisher alles falsch gemacht... Hatte beim Lesen viele Wiedererkennungsmomente und musste grinsen :-)