Rom mit Kindern - Ein Reisebericht

Jetzt ist es endlich amtlich! Ab sofort gehören wir auch zu diesen obercoolen Hipster-Eltern, die völlig unangepasst sind und voll die krassen Urlaube machen. Na ja, zumindest ein wenig, doch wo fange ich an?

Wie ich schon in meinem letztjährigen Urlaubsbericht aus dem Bayrischen Wald feststellte, ändern sich mit Kindern die Reisegewohnheiten der Erzeuger geringfügig. 

In demselben Artikel berichtete ich ebenfalls vom ersten romantischen Urlaub mit meiner Angebeteten in der ewigen Stadt. Ein Urlaub voller Unabhängigkeit und Freiheit. Ein Urlaub wie er mir in unserer momentanen Lebenssituation nicht ferner sein könnte.

Trotzdem kam mir zu Anfang des Jahres die fixe Idee, dass es das perfekte Geburtstagsgeschenk für meine Gattin sein müsse, diese besagte Reise aller Reisen, zu wiederholen. Wie es leider meist so ist, wenn Männer eine fixe Idee haben, sind sie nur selten von ihrem Plan wieder abzubringen, egal wie selten dämlich dieser auch sein sollte.   

...und wo bleiben die Kinder?

Erste Zweifel an meinem Vorhaben kamen auf, als ich verschiedenen Familienangehörigen, Freunden und Bekannten von der anstehenden Reise berichtete.

4 Tage Rom im Hochsommer. Flug mit Ryanair am Montagmorgen. Donnerstagabend zurück. Dazu hatte ich die alte Pension gebucht, welche damals schon als unser Liebesnest herhalten musste, und alles nur damit meine Liebste eine Münze in den Trevi-Brunnen werfen konnte, was sie bei unserem ersten Besuch in Italiens Hauptstadt versäumt hatte. 

"Ach neee! Wie süß!!!", kam es zumeist aus den offen stehenden Mündern der verzückten Zuhörer, dicht gefolgt von der Frage: "Und die Kinder?"

Stets nachdem ich die Frage mit einem verständnislosen: "Die nehmen wir mit!" beantwortete, so als gäbe es ja auch keine andere Möglichkeit, schlug die Begeisterung der Gesprächspartner meist in bloßes Entsetzen um und der dünne Kommentar lautete: "Aha... schön!"

Nur klang dieses "Aha schön" doch mehr wie eine Beileidsbekundung und ähnelte mehr dem Ausspruch "Oh mein Gott, du bist so gut wie tot!".

Nun ja, meine Frau hat sich gefreut, und die Flüge waren gebucht, also gab es kein Zurück...


Tag 1

Am Morgen machen wir uns auf nach Köln. Das ist schon einmal ein enormer Vorteil im Gegensatz zu damals. Da war der nächste Flughafen der beliebten irischen Billig-Fluggesellschaft noch in Frankfurt-Hahn, was eine Anfahrt von etwa 1,5 Stunden bedeutete. 

Die Tatsache, dass es unser erster Flug mit Kindern ist, führt zu einer gewissen Nervosität auf Seiten aller Beteiligten. 

Diese Unsicherheit findet Ihren vorläufigen Höhepunkt, als wir bereits beim Eintritt in den Security-Check den ersten Alarm auslösen, weil wir weder in der Lage sind unsere Papiere richtig einzuscannen, noch unser spärliches Handgepäck in einem Stück durch das Drehkreuz zu bekommen. 

Glücklicherweise ist ein versierter Beamter des Flughafenpersonals vor Ort, der die Lage korrekt einschätzt und uns aus der Schlange holt um eine drohende Massenpanik zu verhindern. So finden wir uns zu unserer eigenen und zur Freude der restlichen anwesenden Passagiere in der Reihe für die bevorzugten Fluggäste wieder. 

Allerdings treffen wir hier auf einen Sicherheitsbeamten, der zu Gunsten der absolut korrekten Ausführung der ihm auferlegten Arbeiten die Freude an seinem Beruf gänzlich vernachlässigt. 

Er starrt gerade teilnahmslos vor sich hin, während zwei kleine Mädchen, die offenbar alleine reisen, heulend den Inhalt Ihrer Schultaschen in den nebenstehenden Mülleimer entsorgen, wobei der Flieger der beiden Kinder schon Richtung Startbahn rollt.

Na, das kann ja heiter werden...

Man verstehe mich nicht falsch. Meine Jungs sind super. Gar keine Frage. Nur in punkto Öffentlichkeitsarbeit ließe sich bei ihrem Verhalten oftmals noch ein wenig nachbessern. Wir würden niemals problemlos durch diese Sicherheitskontrolle gelangen, so viel war schon einmal sicher. Und dann geschieht das Wunder. 

Völlig achtlos baut sich mein ältester Sohn vor dem griesgrämigen Sicherheitsmann auf. Der fragt ziemlich emotionslos, ob der Knabe denn auch seine Hosentaschen völlig entleert habe. Der Junge verneint dies in seiner gewohnt charmanten Art, was sich in etwa so anhört:
Nö! Da sei noch Dreck in den Taschen, aber das würde ja wohl keine Gefahr darstellen und den könne er ja wohl mit ins Flugzeug nehmen. Denn Dreck in den Taschen zu haben, sei doch wohl kein Verbrechen, oder?

Obwohl so mancher Elternteil diese Aussage etwas kritischer sehen würde, passiert das Unglaubliche. Die Mundwinkel des Mannes bewegen sich zaghaft nach oben. Die Gesichts-Partien wirken ein wenig verkrampft, da sie solch eine Bewegung scheinbar seit Jahren nicht mehr ausgeführt haben, und doch... es ist eindeutig ein Lächeln. Der muffelige Security-Beauftragte lächelt. Beinah beginnt er sogar laut zu lachen, als er dem Sohn beipflichtet und ihm erlaubt den Metalldetektor zu passieren.

Und schwupps sind wir am Gate.

Zack, sitzen wir im Flieger.

Die Turbinen geben Gas. Die Einweisung der Flugbegleiter läuft. Gleich geht es los. 

Mensch, das läuft ja alles wie am Schnürchen denke ich noch, als das Personal plötzlich inne halt und die Motoren ihren Betrieb allmählich einstellen. Nachdem wir gebannt eine Weile lang nach vorne starren, kommt die wenig beruhigende Nachricht: "Es sei ein Passagier zu viel an Bord!"

Die meisten nehmen es erst einmal gelassen und spielen einfach das komplette Einstiegs-Ritual noch einmal durch. Aufstehen! Auf den Gang drängeln. Handgepäck raus ziehen und dabei dem Passagier, der am Gang sitzt, das Teil über die Rübe ziehen. Dann ein wenig in dem Koffer rumwühlen, Kopf schütteln und die Tasche genauso wie sie war wieder in das dafür vorgesehene Fach stecken. Dabei natürlich nicht vergessen dem armen Teufel unter sich die Hartschale nochmals gegen den Schädel zu donnern. 

Nach einer geschlagenen Stunde stehend auf der Rollbahn liegt ein leichtes Knistern in der Luft, trotzdem hält sich das Aufbegehren der Fluggäste noch in Grenzen. Glücklicherweise sitzt gleich neben uns so einer dieser aufgeklärten deutschen Wutbürger neben uns, der sich nicht zu fein ist die Wahrheit auszusprechen. 
"Das kann ja wohl nicht wahr sein. Sind wir denn hier in Afghanistan?", brüllt der unsympathische AFD-Wähler, damit es jeder weiß, dass der sich nicht alles gefallen lässt. Er bleibt aber trotzdem an seinem Platz, wie es sich gehört und macht auch ansonsten keine weiteren Anstalten. 

Ich würde gern entgegnen, dass ich es für meinen Teil ziemlich entspannend finde, dass man sich in Köln und nicht Kabul befinde, so von wegen Bombenstimmung, wenn wir schon bei unpassenden Bemerkungen sind, aber ich traue mich natürlich genauso wenig etwas zu sagen, wie der Rest der Besatzung. 

Obwohl es selbstverständlich nervt, sollte man im Prinzip über die deutsche Ordnungsliebe froh sein, und dass hier eben nicht so jeder mir-nichts-dir-nichts einen Sprengstoffgürtel ins Cockpit trägt.

Nach nicht einmal drei Stunden haben die Kollegen den Fehler offenbar gefunden. Gar nicht mal so schlecht, die Zeit für einen deutschen Bürokraten, wenn man das mal mit einem üblichen Asyl-Antrag vergleicht. 

Schon sind wir in der Luft. Der italienische Pilot entschuldigt sich kurz, beteuert jedoch umgehend, dass das Flughafen-Personal in Köln einfach zu blöd ist.
Mein kluger Sohn zieht ein erstes Fazit aus der beginnenden Reise:

"Wir fliegen nie wieder mit Ryanair!"

Dann geht aber alles wieder ziemlich flott. Mit Rückenwind holen wir sogar ein paar Minuten heraus. Wir sind da. Hitzeschlag weil 35 Grad im Schatten und dann Kälteschock weil Klimaanlage im Bus auf Hochtouren läuft. 

Schließlich kommen wir am Bahnhof an und nach weiteren 10 Minuten Fußweg am Hotel Porta Pia. Die Pension hat sich in den vergangenen Jahren leicht verändert. Der Charme ist aber immer noch der selbe. 

Der freundliche, junge Mann an der Rezeption ist der Sohn des damaligen Geschäftsführers und freut sich über unsere alten Kamellen. Zumindest tut er so. Sein Englisch ist eindeutig besser als das seines Vaters, der außer italienisch keine andere Sprache beherrschte.

Trotz der nervenaufreibenden Anfahrt sind alle noch fit und hochmotiviert. Also Koffer ins Zimmer geschmissen und ab in Richtung Innenstadt. Zielstrebig steuern wir an diesem Abend noch die größten Hot Spots an. 
Vom Pantheon zur Piazza Navona und dann ein gemütliches Bier bzw. eine Limonade mit gefühlt 50.000 anderen Touristen vor dem Trevi Brunnen. Trotzdem alles irgendwie total schön.

Der Abend klingt nahe unseres Hotels in einer Pizzeria aus, die noch offen hat. Die Eltern schmausen und die Kinder daddeln auf dem Handy. Alle sind glücklich.  


Tag 2

Wenn man mit Kindern eine Städtereise macht, dann sollte man auf gewisse Dinge achten:

  • Man sollte alles etwas langsamer angehen!
  • Gerade in südlichen Gefilden sollte man Ausflüge auf den Vormittag oder Abend legen!
  • Wenn es heiß ist, sollte man zudem genügend Getränke mit sich führen!

Wir beherzigen Punkt 1 und lassen uns beim Aufstehen Zeit. Dann frühstücken wir ausgiebig in einem kleinen Café, was für den gemeinen Römer sowieso schon einmal völlig unüblich ist. 

Unser Ziel ist heute das Alte Rom. Colosseum und Forum Romanum stehen auf dem Tagesplan. Ersteres haben wir bereits gesehen. Obwohl es uns langweilte, denn es ist wirklich ziemlich kaputt, wollen wir dem Bauwerk eine zweite Chance geben. Die Überreste der alten Stadt haben wir bei unserem letzten Besuch unverständlicherweise ignoriert und wollen dies nun nachholen. 

Da wir uns zu sehr auf Punkt 1 konzentriert haben, wurden die Punkte 2 und 3 einfach übergangen. So finden wir uns gegen 13 Uhr in der unbarmherzigen Mittagssonne vor Museumskasse wieder und haben lediglich ein kleine PET-Flasche in unserem Rucksack. Dümmer gehts wohl kaum. 

Bei einem taxierenden Blick auf die Menschenmassen beginnt mir zu dämmern, warum dazu geraten wird, die Karten für diese Sehenswürdigkeiten vorab im Internet zu bestellen. Als heldenhafter Vater, der ich nun einmal bin, stelle ich mich an der kilometerlangen Schlange an und platziere den Rest der Familie unter einem nahe liegenden Baum. 

Die Schlange kriecht nur langsam vorwärts. Nach einer Weile schüttel ich nur noch apathisch den Kopf. Jedes Mal dann, wenn mir ein Sonnenschirm, ein Selfie-Stick oder sonst irgendein Tinnef von einem der ebenso zahlreichen Straßenverkäufer angeboten wird. 

Endlich bin ich an der Reihe. Ganz am Ende der Schlange steht eine Dame im weißen Hemd. Nur sie trennt mich noch vor dem rettenden Kassen-Häuschen.
Ob ich eine Reservierung habe, möchte sie von mir wissen!

Ich verneine, was ja auch der Wahrheit entspricht. 

Dann tut es ihr leid..., sagt sie und schon diese Aussage möchte ich ihr nicht glauben. Aber, fährt sie fort, ich müsse mich in der anderen Schlange anstellen. 

Ich schaue ausdruckslos zurück und versuche das Ende der Schlange zu erahnen. Tränen schießen mir unwillkürlich in die Augen. Ich mache den halbherzigen Versuch die Aufseherin zum Umdenken zu bewegen, doch die ist nicht zu erweichen. 

Kommt mir alles ziemlich deutsch vor. Ich könnte mir in den Hintern beißen. Wie konnte mir solch ein Faux-Pas überhaupt unterlaufen. Ich komme aus der BRD. Wir haben Bürokratie und Schlange-Stehen doch überhaupt erst erfunden. 

Gebrochen trotte ich nach hinten, wie ein begossener Pudel, wobei von begossen sein nicht die Rede sein kann, denn der Planet brennt mit unverminderter Wucht. 

Am Ende meiner Kräfte angekommen stehe ich vor dem Kassenhäuschen. 

"Two adults, two children!", flüstere ich.
Kein Problem, bellt der gelangweilte Kassierer zurück, doch er müsse die Kinder sehen. 

Im Prinzip ist es verständlich, denn die Kinder haben freien Eintritt, und wenn man hier jedem diese Gratis-Karten aushändigen würde, dann wäre den Betrügern mal wieder Tür und Tor geöffnet. Ich kann aber jetzt auch nichts dafür, dass sich nach dieser Tortur eine Jähzorn-Ader auf meiner Stirn bildet und mein Hals anschwillt. Mein schlechtes Englisch wird durch meine Wut nicht besser, aber lauter. Bereits nach wenigen Erläuterungen hebt der Mann beschwichtigend die Hände und unterbreitet mir einen akzeptablen Lösungsvorschlag. Ich solle die Erwachsenen-Karten bezahlen und dann die Kinder holen und vorzeigen. Er wolle mir dann die Karten für die Kinder rüber reichen. Gute Idee.
Als ich völlig verschwitzt mit meinen Söhnen an der Hand wieder vor der Scheibe stehe, erhebt sich mein zuständiger Mitarbeiter, schnappt sich seine Kasse und verschwindet. Ich werde zum Tier. Presche vor an den nächsten Schalter. Die restlichen Touristen machen mittlerweile einen weiten Bogen um mich. 
Der zweite Kassierer ist um Deeskalation bemüht. Ehe ich ihn noch weiter mit meinen unsauberen Fremdsprachenkenntnissen nerve, druckt er mir die gewünschten Tickets aus und nickt mir freundlich zu. 
Für uns geht es damit ab in die nächste Schlange. Der Rest der Familie wird indes übel launig, da der Handy-Akku leer ist, man ergo nicht mehr in der Lage ist, dieses Super-Handy-Spiel weiter zu zocken, und es außerdem ja total heiß ist und man Durst habe. Ich erspare mir und den anderen einen Bericht über mein Martyrium, welches ich soeben erlebt habe, und gebe mein Bestes die erhitzten Gemüter abzukühlen. 
Nicht mal 20 Minuten später sind wir durch die Sicherheitsbarriere und stehen in der Arena. Im Gegensatz zu damals finde ich es nun doch ziemlich beeindruckend. Liegt wahrscheinlich daran, dass wir damals so ziemlich alleine in dem Bau herumliefen und sich jetzt diese unglaublichen Menschenmassen durch die Gänge quälen. So kann man sich einfach besser vorstellen wie es hier vor gut 2000 Jahren abgegangen sein muss.
Es ist spannend, und alle sind zufrieden. Nur das Problem mit dem Wasser haben wir immer noch. Die Kühlschränke in den mehrfach vorhandenen Bücherläden, welche regelmäßig über das komplette Colosseum verteilt sind, sind die einzig verwahrlosten Orte in der Umgebung. 

Alternativ kann man sich lediglich an einen der gut verteilten Trinkbrunnen wenden. Da muss man allerdings wieder Schlange stehen und außerdem mögen die Söhne ja viel lieber Sprudel. 
Vielen Dank! Top-Vorlage für einen blöden Eltern-Spruch: "Na, dann kann es wohl mit dem Durst nicht weit her sein!", frotzele ich. Tatsächlich nehmen die Jungs unter Würgelauten einen Schluck zu sich und gucken böse.

Wir haben genug gesehen und ziehen weiter ins Forum Romanum. Hier sind die Schlangen deutlich kürzer, und die Menschenmassen verteilen sich angenehm über das weitläufige Areal. Doch so aufregend dieser historische Ort auch ist, die Stimmung steuert geradewegs dem Tiefpunkt entgegen. 
Hunger, Durst, Pipi, kalt... äh ich meine natürlich zu heiß!
Wir brauchen jetzt wirklich eine Pause. Das Problem wenn man mit Kindern unterwegs ist, die Pause muss sofort her. Also wirklich sofort. Und jetzt echt ohne Quatsch!
Nach einigem Umherirren treffen wir auf einen unscheinbaren Raum, der zwei Getränke- und Süßigkeiten-Automaten beherbergt.

Wir rasten völlig aus, ballern unser Kleingeld unkontrolliert in die kleinen Schlitze und hämmern auf den Tasten herum bis irgendwas in der großen Schublade landet. 

Ich muss zugeben, auch mir war nicht mehr klar, welchen Genuss eine eiskalte Limonade aus der Dose verheißen kann. Da muss man eben erst einmal ein paar Stunden vor einer völlig überfüllten Sehenswürdigkeit Schlange stehen, sich dann mit den anderen Millionen Touristen durch die Gänge quetschen und schließlich laffes Trinkbrunnen-Wasser süppeln. 

Die Überreste des alten Roms sind wirklich der Knaller. 
Wir reizen das Kultur-Programm aus bis das Gemaule schließlich wieder losgeht und letztlich nicht mehr auszuhalten ist. 

"Die Mama mit ihrem gucken! Hier soll ich gucken. Da soll ich gucken. Mir reicht's. Hier ist doch eh alles kaputt. Wenn das alles aus Lego gebaut wäre, das wäre eine Leistung."
Die Eltern grinsen, und man macht sich auf den Heimweg. 

Im Hotel angekommen punkte ich mit meinem Kindle. Auf den habe ich vor der Reise Was ist Was TV über die Gladiatoren und Es war einmal der Mensch über "Das alte Rom" heruntergeladen. Allmählich wandeln sich die erlebten Strapazen in Faszination um.
Wir sind schön dreckig und erschöpft. Aber Pause ist nicht. Ab unter die Dusche und nochmal los. Schöne Pizzeria und gemütlich essen. 

Komischerweise hält sich das Motz-Barometer weiterhin im unteren Bereich. Rom ist toll!


Tag 3

Am dritten Tag wartet das letzte große Rom-Abenteuer auf uns: Vatikan-Stadt!
Ich konnte zwar nicht verhindern, dass meine Söhne, so wie ihre Mutter, Protestanten werden, aber vielleicht zeigt die Kirche ja Nachsicht, wenn ich mit dem Nachwuchs zu diesem besonderen Pilgerort der Christenheit aufbreche. 

Die ausladende Straße vor dem Petersdom gleicht erneut einem Spießrutenlauf. Neben den obligatorischen Selfie-Sticks und den billigen Sonnenschirmen aus Papier ist hier die Nachfrage nach dünnen Seidenschals ziemlich groß. Die schnallen sich die voll abgenervten Teenie-Mädchen um ihre blanken Arschbacken, die aus den unfassbar knappen Hot-Pants quellen. Nackte Haut ist in der Hauskirche des Papstes nicht gestattet. Da sind die Aufpasser rigoros und schicken jeden zurück, der nicht seine Schultern und Beine bedeckt hat. 
Bei dem Anblick der kokettierenden Mädchen in der kaum vorhandenen Bekleidung, bekreuzige ich mich und danke dem Herrn, dass ich nur Söhne bekommen habe und keine Tochter, wie anfangs von mir gewünscht. 

Und was haben wir bisher gelernt?: Bei einem Trip nach Rom muss man einplanen, dass man Minimum einmal pro Tag durchsucht wird und durch einen Metalldetektor gehen muss. Es ist kaum zu glauben, doch wir stehen wieder in der falschen Reihe. Überall um uns herum strömen die Menschen nach vorn, hinauf zum Eingang, nur unsere Schlange steht und bewegt sich keinen Millimeter. 

Dann sind wir drin, und es ist alles ziemlich groß und beeindruckend, das muss man schon zugeben. Wirklich groß, bombastisch und sehr, sehr beeindruckend. Ach ja,... und voll ist es. Aber so dermaßen voll, dass kann man sich gar nicht vorstellen. Hier hält man es nicht lange aus. Muss man auch gar nicht, denn sobald man mal kurz stehen bleibt um inne zu halten, kommt recht schnell ein Bediensteter und treibt einen an weiterzugehen. 
Also gehen wir wieder. Allerdings nicht bevor wir uns einen Ausblick vom Dach der 132,5 Meter hohen Kuppel des Doms gegönnt haben. Einziger Haken bei der Sache: Ich leide unter leichter Höhenangst. Soll heißen, ich verfalle bereits in Panik und hyperventiliere, wenn ich auf einer normalen Trittleiter für den Hausgebrauch stehe. Nun will ich jedoch nicht meine Ängste, die mir mein Dasein erschweren, auf meine armen Kinder übertragen. Schließlich sollen diese frei im Geiste und ohne Phobien leben können. 

Also möglichst gute Miene zum bösen Spiel gemacht und ran an die mehr als 500 Stufen zwischen mir und der Aussichtsplattform. 
Vielleicht schaffe ich es mit meinem Pokerface den einen oder anderen zu täuschen, doch meine natürlichen Körperfunktionen verraten mich. Ich schwitze wie ein Stier und ich beginne zu stinken. Ich stinke zum Himmel, dass es nicht mehr feierlich ist. Es ist eine Mischung aus verfaultem Wasser, saurem Käse und verdorbenem Fleisch, die ich ausdünste und in die Luft abgebe. Ich schaue mich nervös um und versuche einen weiteren Schuldigen auszumachen, muss mir jedoch eingestehen, dass dieses Aroma zweifelsfrei von mir ausgeht. Das ist der Duft der Angst vermute ich. Ich kann mich selber nicht mehr ertragen. 

Meine Umwelt ist glücklicherweise etwas nachsichtiger. Wenigstens tut jeder so, als würde er nichts bemerken. Auf den letzten Stufen haben die meisten ohnehin ihre eigenen Probleme. Der Gang wird immer schmaler, und die Luft immer dünner. Die ältere Dame vor mir bleibt ohne erkennbaren Grund alle 2 Meter stehen. Es entsteht Stau. Eine Gruppe erzkonservativer junger Christen aus Frankreich mit peinlichen Schlapphüten und Blumen im Haar beginnt laut Kirchenlieder zu singen.

Vermutlich beabsichtigen sie damit die Anwesenden zu beruhigen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Nur meine Vorbildfunktion und mein desolater, körperlicher Zustand verhindern, dass ich auf den Anführer der Sängerknaben losgehe. 

Gerade als ich mir sicher bin, für immer hier bleiben zu müssen und erbärmlich in diesem Treppenaufgang zu verrecken, tut sich ein Licht auf und wir erklimmen mit einem speckigen, abgenutzten Seil die letzten Meter hinauf an die frische Luft. 

Ja, schön, schön, guck mal da, guck mal hier, Knips, Knips und ab.

Vom Vorplatz des Petersdoms aus setzen wir unseren Weg zur Engelsburg fort. Ja genau, die kam sicher auch in einem dieser Bücher von Dan Brown vor. Hierbei handelt es sich noch einmal um eine dieser Sehenswürdigkeiten, welche wir bei unserem ersten Rom-Besuch erstaunlicherweise verschmäht haben. 

Es ist wahrlich ganz zauberhaft hier. Alles wunderbar könnte man sagen, wäre da nur nicht mein Gestank. Der hat sich seit dem Abstieg vom Petersdom nicht verbessert. Im Gegenteil: Mein stechendes Parfum lässt Fauna und Flora im Umkreis von 3 Metern jämmerlich verenden. Ich würde gerne noch etwas bleiben, aber mein Geruch ist eine Zumutung. 

Nachdem ich im nächsten Souvenir-Laden wahllos ein T-Shirt aus dem Regal gezogen und zur Verwunderung der vietnamesischen Verkäuferin noch nicht einmal gefeilscht habe, geht es mir und den Umstehenden schon etwas besser. 

Wir kehren in eine dieser unvergleichlichen Trattorias ein. Das Geschäft kann sich nicht so recht entscheiden, was es sein will. In der Auslage liegen herrlichste Pizza-Kreationen, die auf kleinen Holzbrettchen serviert werden. Von der Decke hängen staubige Schinken-Keulen, die Regale sind überfüllt von abgegriffenen Weinflaschen und in der Ecke brummt ein Kühlschrank aus der Steinzeit, der dem Rappeln in seinem Inneren nach zu urteilen mehr Hitze erzeugt als dass er diese vertreibt. Ich ziehe ein lauwarmes Bier aus dem Gerät und geselle mich zum Rest der Familie an einen Stehtisch. Wäre das deutsche Ordnungsamt hier zuständig, gäbe es diese Gastronomie definitiv nicht mehr, aber für mich ist es der perfekte Ort und wieder einer dieser perfekten Momente.

Apropos: Wo wir schon einmal bei kulinarischen Highlights sind... Plötzlich stellen wir mit Schrecken fest, dass uns am gestrigen Tag entfallen ist ein italienisches Eis zu verspeisen. Zur Lösung des Problems wird der Vorschlag eingebracht, man solle doch einfach am heutigen Tag zwei Portionen verdrücken.
Die erste Ladung Gelato  gab es gleich nach dem Vatikan. Die zweite Waffel nehmen wir in einer Eisdiele in unmittelbarer Nähe unseres Hotel zu uns.  
Es handelt sich, wie ich später herausfinde, um eine Kette, die in mehreren großen Städten Italiens und Spaniens für die Ehre des Speiseeises kämpft. Der Laden ist das absolute Paradies. In der Mitte des langen Tresens befinden sich zwei Wasserhähne, aus denen Vollmilch- und weiße Schokolade fließen. Wahlweise hält einer der Fachkräfte hinter der Theke die Waffel unter eine der beiden cremigen Flüssigkeiten. Dann wählt man aus dem reichhaltigen Sortiment und darf sich am Ende sogar noch ein Topping aussuchen.

Erdbeere finde ich normalerweise total lahm und würde ich mir nie bestellen. Hier tue ich es nur, weil mir die restlichen Sorten auf der Karte nichts sagen.
Es ist eine Offenbarung. Dieses Eis schmeckt mehr nach Erdbeere, als jede Erdbeere die ich jemals gegessen habe. 
Ganze klare Sache! Solltet Ihr mal nach Rom kommen, dann ist diese Sternstunde der Dessert-Kunst ein absoluter Pflicht-Besuch. 
Wir sitzen gemütlich auf einer Bank, schlecken unseren Nachtisch und beobachten wie im Eis-Laboratorium das cremige Hüftgold ensteht. 
Das kann man sich hier sogar in ein Croissant füllen lassen. Es bleibt dabei! Bei so manchen Sachen, da macht den Italienern keiner was vor. 

Eine kurze Pause und eine bitter nötige Dusche später stürzen wir uns schon wieder ins Nachtleben Roms. 

An unserem letzten Abend gehen wir nochmal die großen Sehenswürdigkeiten ab und lassen das Erlebte Revue passieren. 

Mittlerweile sind die Söhne, die normalerweise um 8 Bett liegen müssen, auch schon richtige Nachtmenschen. Lauthals grölen Sie die selbst gemachte Hymne der Grundschule am Lauterbach, während wir uns durch einen Menschenauflauf nach dem anderen kämpfen. Das Lied sollte nun jeder Römer kennen.


Tag 4

Kleiner Spoiler vorweg! Viel ist an unserem letzten Tag in der italienischen Hauptstadt nicht mehr passiert. Der Portier hat sich sehr über die alte, zerfledderte Visitenkarte des Hotels gefreut, die ich seit 10 Jahren in meiner Geldbörse aufbewahre. Beinah fallen wir uns in die Arme. Zum Dank erlässt er mir die zusätzlichen Steuern, von denen ich sowieso bis vor 5 Minuten noch nichts gewusst habe. Außerdem dürfen wir unser Gepäck in der Besenkammer deponieren, solange wir noch in der Stadt unterwegs sind. 
Wir schlendern zum Park um die Villa Borghese. Hier ist es zum Abschluss mal ruhig und vor allen Dingen verhältnismäßig leer. Ein alter Mann mit einem Saxophon jazzt ein wenig vor sich her. Ein paar Familien tuckern auf diesen furchtbaren Segways die Straße rauf und runter. Katerstimmung! Die Piazza del Popolo mit ihren Zwillingskirchen ist schon wieder deutlich belebter. Nur ist eines der Gotteshäuser eingerüstet, wie überhaupt ein Drittel der Stadt einer Baustelle gleicht.

Unser Rückflug geht dieses Mal pünktlich. Ciao Roma! 

Erst bei der Ankunft in Köln kommt es wieder zu Unregelmäßigkeiten. Opa soll uns abholen. Er ist irgendwo hier in unserer Nähe, doch er bringt es nicht fertig uns in dem riesigen Flughafengebäude zu finden, und wir werden aus seinen kryptischen Beschreibungen der Umgebung ebenso wenig schlau.
"Ich stehe hier vor dem REWE!"
Mehr ist aus unserem Chauffeur nicht herauszubekommen.  
Wenige Sekunden bevor der Handy-Akku die Grätsche macht, schaffen wir es doch noch einen Treffpunkt auszumachen, den beide Parteien finden. Happy End!
Auf dem Rückweg wage ich ein abschließendes Resümee zu ziehen und stelle gar in Aussicht, dass man jetzt jedes Jahr so einen Städte-Trip machen könne.
"Naja...", versucht der Große meine Euphorie zu bremsen. "Vielleicht fahren wir für den Anfang mal jedes zweite Jahr!"

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