Zu alt für den Scheiß...?

BLOGdaddy trifft Jennifer Rostock.


Dieses Erlebnis liegt nun schon wieder einige Wochen zurück, doch die Eindrücke sind noch frisch und offenbar ziemlich nachhaltig... 


Also, das kam so...
Einmal pro Quartal wird demonstriert, dass man neben dem 99% "Eltern-sein", auch irgendwie noch 1% Beziehungspartner ist. Was man sich damit beweisen will? Keine Ahnung!
Früher nannte man das "Party machen", "Feiern", "Abtanzen" etc. Heute fragt man bei den Großeltern an, ob die für ein paar Stündchen Zeit hätten, denn man wolle "weg gehen". 
Genauso unbestimmt wie dieser Begriff, ist auch die Motivation der Beteiligten an diesem ominösen "Weggehen". Wie sind wir, verdammt noch einmal, so unsexy geworden...?

Hinaus in die große, weite Welt

Mit beinah 40 Lenzen erreichen wir allmählich den Status in dem man so gut wie alles besitzt. Deshalb neigt man dazu in unserem Alter etwas zu verschenken was allerorts Mangelware ist: Zeit!
Kabarett, Konzert, Kino... was auch immer. Eben all die schönen Dinge, die man in seinem Leben vor den Kindern täglich gemacht hat, so dass sie einem damals fast zum Hals heraus hingen, weshalb man ja überhaupt auf diese völlig bescheuerte Idee gekommen ist, eine Familie zu gründen. Aus Langeweile eben!
Heute sehnen wir uns auf der einen Seite nach solchen Events, sind andrerseits jedoch zutiefst verängstigt, wenn dann wirklich nach einem halben Jahr mal wieder solch ein Highlight ins Haus steht. 
Mir ging es so, als ich von meiner Liebsten unlängst zu meinem Geburtstag Karten für das Konzert von "Jennifer Rostock" in Köln geschenkt bekam. Frau Weist und Ihre Combo wollte ich schon gerne einmal in Aktion sehen, gleichzeitig bekam ich ein mulmiges Gefühl als ich das neuste, sehr, sehr laute Album der Band einmal Probe hörte. Trotzdem überwiegte natürlich die Vorfreude auf das musikalische Großereignis.

Am großen Tag erlosch die Euphorie und wich der Lethargie, die einen als Mensch mit Kindern, jeden Abend pünktlich ab 19 Uhr in die Knie zwingt. Da heißt es dann Arschbacken zusammenkneifen und los.
Ja, auch wenn es schwer fällt, wir haben jetzt gute Laune und gehen Feiern.  
Mit etwas gutem Willen schafft man das schon. 
Umziehen? Schick machen? Schminken?
Ne geht schon! Nun aber wirklich los...
Wäre da nur nicht diese Fahrt ins etwa 30 Minuten entfernte Köln. Mit 18 sind wir mitten in der Nacht mit meinem schrottreifen Nissan Micra nach Amsterdam gedüst und jetzt mache ich mir in die Hose, wenn ich zu einem ausgeschilderten Parkplatz in die nächst gelegene City fahren soll. 
Peinlich aber wahr!

Von Teenies belagert!

Früher hätte man sich schon Nachmittags vor der Halle eingefunden und mit einer Palette Dosenbier die Zeit bis zum Konzertbeginn vertrieben. Heute ist man bestenfalls 5 Minuten vor Beginn irgendwo in der Nähe des Veranstaltungsorts, weil man ja noch 10 mal von den Kindern zurück gepfiffen wird, oder weil man dem Babysitter unbedingt noch ganz wichtige Anweisungen geben muss. Wie z.B...

  • Guck mal das Telefon liegt/steht hier! 
  • Kannst Du da eigentlich mit umgehen? 
  • Du hast doch unsere Handy-Nr. oder? 
  • Ja? Egal! Ich schreibe die besser hier noch einmal auf einen Zettel.
  • Ach komm, ich lege die Nummer schon einmal auf Wiederwahl.
  • Dann musste nur hier drücken!
  • Hier den Knopf. Haste gesehen?
  • Probier doch mal!

Eben die ganz normale elterliche Paranoia und die Gewissheit, dass außer einem selbst, niemand jemals in der Lage sein wird, sich adäquat um den Nachwuchs zu kümmern.
Nun denn, wir sind dann schließlich doch noch pünktlich angekommen. Das Jungvolk belagert mit schnittigen Kleinwagen und abgewrackten Mopeds die Straßen. Chaos, Anarchie und nur ein paar heillos überforderte Parkplatzanweiser versuchen einen letzten Rest Ordnung aufrecht zu erhalten. Dazwischen wir mit unserer Familien-Kutsche. Die Blicke der Kids sind uns jetzt schon gewiss. Wir stellen den Wagen schließlich 2 Kilometer von der Konzerthalle entfernt ab, weil wir Angst haben, ein Knöllchen zu bekommen. 
Dann stehen wir vor dem Eingang. Die Türsteher schauen etwas hölzern. Sie können offenbar nicht einordnen, was man mit uns machen soll.
Gehören die zur Chef-Etage? Haben die sich verlaufen? Muss ich die jetzt "Siezen"?, poltert es beinah hörbar durch den Schädel des Gorillas. Als ich freudig die Arme von mir strecke und mit einem zwanglosen Small-Talk beginne, ist er völlig verwirrt und winkt mich schnell durch. Man erlebt ja selten was Spannendes. Da ist so eine Ganzkörper-Abtastung schon eine willkommene Abwechslung vom Alltags-Brei. 

Und ab geht die wilde Fahrt!

Schließlich sind wir drin! 
Die anderen Kinder sind echt doof und gaffen uns an. Voll gemein! Ich bin mir sicher, die reden über uns hinter unserem Rücken. 
Darauf erst einmal ein Bier. Hilft nicht. Also noch ein Bier.... Schon besser!
Wir verziehen uns in die hinterste Ecke, damit uns keiner von den Rowdys schubsen kann. 
Ein angegrauter Herr nebst Gattin durchstreift den Konzertsaal und passiert unser Sichtfeld. Ich grüße freundlich und mache eine angedeutet Verneigung. Älteren Menschen gegenüber sollte man stets Respekt zeigen. 
Ich stupse meiner Frau in die Rippen und deute mit süffisantem Grinsen auf die alten Knacker. Die sind mindestens 3-4 Jahre älter als wir. So was von peinlich!
Ich habe schon einen leichten Schwips als die Band die Bühne betritt. Kein Wunder! Die haben beinah 20 Minuten Verspätung. Das macht mein Stoffwechsel nicht mehr mit. 
Frau Weist, die Sängerin, trägt eine Art Body und darüber einen Rock, der so aussieht als hätte man ihn ca. 17-mal durch einen Aktenvernichter gejagt. Wieder einmal mache ich in Gedanken drei Kreuze, dass wir keine Tochter und nur Söhne bekommen haben...
Natürlich bin ich mir sicher, dass ihr Vater ziemlich stolz sein muss. Die zierliche Dame rotzt, gröhlt und ist in der nächsten Sekunde wieder zuckersüß, dass es eine Freude ist. Selbst der härteste Hells Angel würde vor dieser Dame kuschen und artig niederknien.
Bei soviel Wumms und Leidenschaft, werde ich wieder einmal ganz sentimental. Denn eigentlich wollte ich doch mal dort oben auf der Bühne stehen. Aber Rockstar und Familie geht eben nicht,... ......oder?
Die Band wird vorgestellt und wir erfahren, dass der aktuelle Gitarrist in Wirklichkeit "nur" der Roadie ist, weil der eigentliche Gitarrist - 3-mal dürft Ihr raten - RICHTIG!.... weil der Chef-Saitenschwinger gerade in Elternzeit ist.  Nicht zu glauben. 
Vielleicht ist es ja dann auch für mich doch noch nicht zu spät. Zum Finale taucht die stark tätowierte Sängerin inmitten des Konzertsaales auf. Jetzt sind wir ganz nah dran.
"Hat sich also doch ausgezahlt ganz hinten zu stehen.", flüstere ich triumphierend meiner Gattin zu. Wir trauen uns sogar noch ein paar Schritte näher heran. In dem Moment stürmt die Front-Frau samt Bodyguards etwa 2 Meter vor uns, an uns vorbei. Es fühlt sich fast so, als habe Sie uns berührt. Rasch verziehen wir uns wieder in unser Rentner-Eckchen und warten bis das Jungvolk die Halle verlassen hat. Man will ja nicht unter die Räder kommen.

Ein sehr gelungener Abend! Wir machen uns auf den Heimweg.
"Das sollte man viel öfter machen!", raunen wir einander zu, etwa eine Sekunde bevor wir vollkommen synchron auf das Sofa fallen und noch im selben Moment eingeschlafen sind.   

Das sollte man viel öfter machen!

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