Ein offener Brief an unsere Hebamme

#aufdentischhauenfürhebammen 

 

Vergangene Woche erreichte mich die Nachricht von Christine. Soweit ich das beurteilen kann, ohne die Dame näher zu kennen, ist sie eine leidenschaftliche Geburtshelferin, Film-Darstellerin und Aktivistin für die selbstbestimmte Geburt. Somit fiel es mir äußerst schwer ihren Wunsch nach einem Beitrag abzuschlagen.

Der Hilferuf lautete wie folgt: Wir suchen ganz dringend VÄTER, die über ihre Geburtserfahrungen schreiben und dann auf den Tisch hauen für Hebammen und eine 1:1 Betreuung der gebärenden Frau. 

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich das Thema angehe und habe mich für eine Textform entschieden, die so ziemlich genau 0,001% zu mir und dem Rest dieses Blogs passt. "Aber der Zweck heiligt die Mittel", wie man so schön sagt. 
So folgt nun mein eklig-schnulziger-Würgereiz-erzeugender-jedoch-völlig-aufrichtiger Brief an unsere damalige Beleg-Hebamme.


Liebe Martha,

ich habe Deinen Namen geändert, da ich glaube, dass Du nicht gern im Mittelpunkt stehst. Es muss so sein, denn sonst könntest Du diesen Beruf nicht ausüben. 
Es ist jetzt einige Jahre her, seit wir uns das letzte Mal zufällig trafen. Wir haben uns völlig aus den Augen verloren, doch ich weiß, wenn wir uns begegneten, dann wäre das alles im Bruchteil einer Sekunde wieder da. Dann würden wir uns umarmen und uns gegenseitig anlächeln, wie nur wir es können und das obwohl ich es überhaupt nicht ausstehen kann andere Menschen in den Arm zu nehmen. Nicht einmal die, die mir Nahe stehen und die ich täglich treffe. Aber bei Dir kann ich nicht anders. 

Obwohl wir uns ewig nicht gesehen haben, ist da das Gefühl als wärst Du immer bei uns. So wie das Band, dass man zu einem Familienmitglied spürt, welches weit entfernt von einem wohnt. Wir sprechen oft über Dich. Erzählen den Kindern von Dir und schwärmen über Dich bei unseren Freunden oder Bekannten.

Das Verrückte daran ist...

...eigentlich könnten wir unterschiedlicher nicht sein!

Offen gesagt, wärst Du nicht gerade meine erste Wahl, wenn ich mit jemanden einen trinken gehen will und wahrscheinlich würden wir auch als Gesprächspartner nicht sonderlich gut zueinander passen. Trotzdem reserviere ich Dir, solange ich lebe, diesen kleinen Platz in meinem Herzen, den ich niemals für irgendwas oder irgendjemand anderen freigeben werde.

Naja, es war vielleicht nicht alles so super.
Bei allem Respekt,... doch mit diesem esoterischen Geschwafel, konntest Du mir manchmal echt auf die Nerven gehen. In den ersten Wochen hielt ich es für eine ziemlich bescheuerte Idee eine sogenannte "Beleg-Hebamme" zu buchen. Du hast unsere Schwangerschaft um einige skurrile Momente bereichert. Ich erinnere da nur einmal an die Geschichte mit der Käseschmiere! 
Doch dann kamen die ersten ernsthaften Sorgen und es war so verdammt beruhigend, dass da jemand war, den man alles fragen konnte und der er einen nicht für komplett bescheuert hielt, wenn man als Schwangere einen Heulkrampf bekam, weil man versehentlich in einen Weichkäse gebissen hatte oder die Bewegungen des Kindes mal 2 Minuten lang nicht spürte. Rund um die Uhr konnten wir uns melden und Du gabst einem nie das Gefühl, als müsse man ein schlechtes Gewissen haben, dass man Dich mit solch unwichtigen Fragen belästigte. 

Ich habe von Dir niemals auch nur eine einzige Klage gehört. Nicht als morgens früh um 5 Uhr die ersten Wehen einsetzten und Du an diesem Tag zum ersten Mal auf der Matte standest. Ebenso nicht als Du zum zweiten und dritten Mal den weiten Weg zu uns an diesem Tag auf Dich nahmst. Während der langen Geburt, die uns so manches Mal die Kräfte raubte, warst Du stets hellwach, und strahltest zu jeder Zeit mit diesem ansteckenden Lächeln in Deinem Gesicht. Du warst der beste und stärkste Flügelmann aller Zeiten.
Schließlich war ER da und Du hieltest Ihn so, als wäre er ein Stück weit auch ein Teil von Dir. 

Du hast Dich nicht beschwert, als wir um 2 Uhr Nachts das Krankenhaus verließen und Du noch sauber machen musstest. Ebenso wenig hörte ich einen Einwand, als Du am nächsten Tag beinah alle zwei Stunden bei uns warst um beim Stillen zu helfen. 
Dann lobtest Du die Mutter, dass Sie die ganze Zeit so cool und geduldig sei, doch in Wahrheit warst Du es, die uns die Sicherheit gab, dass alles gut wird. Du warst es die ganze Zeit. 

Ich habe gehört...

..., dass es Probleme gibt. 
Du kannst nicht mehr so arbeiten, wie Du möchtest, weil man Euch Steine in den Weg wirft. Ich würde gerne mal wissen, warum es immer die Falschen trifft. Das ist so was von Scheiße!
Um Dich mache ich mir keine Sorgen.

Du kommst klar.

 

Jemand wie Du kommt mit allem klar. 

 

Die anderen Eltern tun mir leid. Also die Eltern, die Ihre Kinder erst noch bekommen und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht diese Unterstützung haben werden, welche wir sogar zweimal hatten.

Ich habe mal gehört, dass in skandinavischen Ländern, die Geburtsnachsorge verpflichtend ist und die Eltern dort für einen viel längeren Zeitraum begleitet werden. 
Ich bin fest davon überzeugt, dass dies auch unserer Gesellschaft gut tun würde.

Aber was weiß ich schon... 
Ich wünsch Dir alles Gute für die Zukunft liebe Martha und hoffe, dass die da oben noch zur Vernunft kommen werden und das sich genug von diesen "Bald-Eltern" empören, damit Deine Arbeit wieder die Wertschätzung erhält, die sie in Wahrheit verdient.

Falls es Dich tröstet, wir denken an Dich... für immer!

 

BLOG-daddy & Familie


Hintergrund:

Der Beruf der Beleg-Hebamme steht kurz vor dem Aussterben. Kurz gesagt, hat das etwas mit steigenden Beiträgen zur Haftpflicht-Versicherung von freiberuflichen Hebammen zu tun, welche die Ausübung des Berufs schlichtweg unlukrativ machen. Bevor ich Euch mit gefährlichem Halbwissen und Unwahrheiten langweile, empfehle ich Euch auf den Seiten der Experten nachzulesen. Hervorheben möchte ich hier die Initiatorin dieses Autoren-Aufrufs Christine Niersmann und Ihre Homepage, sowie Ihre Facebook-Seite und die engagierten Damen vom Bonner Verein Motherhood e.V., die alles dafür tun die Missstände anzuprangern und publik zu machen.